Das andere Namibia – Katutura: „der Ort an dem wir nicht leben wollen“

Zum Abschluss unserer Reise haben wir eine Tour durch das Township Katutura gebucht. Schon bei unseren früheren Reisen hatten wir erwogen, ein Township zu besuchen, haben es dann aber nicht getan, weil wir uns nicht sicher waren, ob es voyeuristisch ist, als „reicher Europäer“ die Armut afrikanischer Menschen anzuschauen. Schließlich haben wir uns heuer dazu entschieden, eine Tour mit einem Führer zu machen, der selbst in Katutura lebt und sich eine bescheidene Existenz aufgebaut hat, indem er u.a. solche Stadtführungen macht.

Katutura ist ein Township, das etwa 5 km vom Stadtzentrum Windhoeks in den 50er Jahren errichtet wurde, um die schwarze Bevölkerung im Sinne der Apartheid von den Weißen zu trennen.  Frei übersetzt heißt Katutura „Ort an dem wir nicht leben wollen“. Hierher kommen wir mit Kafamuyeke Eric Mwiya, der sich uns der Einfachheit halber einfach als „Eric“ vorstellt.

Auf dem Weg von unserem Hotel durch die Innenstadt halten wir an der Alten Feste, gehen gemeinsam zum Independence Museum, dann weiter zur Christuskirche und merken schnell, dass das heute eine „alternative Stadtführung“ wird. Eric zeigt uns nicht einfach Bauwerke und erklärt deren Geschichte, sondern spricht mit uns über aktuelle Politik, Entwicklungshilfe, Arbeitslosigkeit, Bildung, Korruption und viele andere gesellschaftliche Themen. Wir sind sehr interessiert an seinem Blickwinkel auf die Dinge, kommen immer wieder von einem Thema aufs nächste und sind schnell mit ihm in einem intensiven Austausch.  

Wir fahren aus dem Stadtzentrum hinaus durchs Industriegebiet Nord bis sich vor uns eine unermessliche Anzahl von Wellblechhütten über die Hügel erstreckt. Da es keine Meldepflicht gibt, ist unklar wie viele Menschen hier tatsächlich leben. Eric geht von über 300.000 Einwohnern aus. Tendenz stark steigend. Genau genommen sprechen wir hier nicht ausschließlich von Katutura, sondern von allen Township-Vororten Windhoeks, durch die wir uns heute bewegen.

Schnell endet die Asphaltstraße. Wir parken das Auto und gehen zu Fuß zwischen die eng gedrängten Wellblechhütten, die sich die Menschen hier gebaut haben. Die meisten sind nicht größer als vielleicht 4 x 4 Meter. Es ist berührend, hautnah zu erleben, wie in solch einer Hütte Mann und Frau mit fünf, sechs oder mehr Kindern wohnen, womöglich noch zusammen mit Schwester, Schwager und deren Kindern. Es ist definitiv etwas anderes, ob man auf einer Schnellstraße an einem Township vorbeibraust, oder ob man von Haus zu Haus geht, mit den Leuten redet, von Kindern umringt wird und den Menschen bei ihren Tätigkeiten zuschaut.

Es ist Sonntag. Aber das heißt nicht, dass der „Metzger“ die Schlachtabfälle von Rindern „aufarbeitet“. Auf dem nackten Boden liegen ein paar gammelige Pappkartons und darauf werden Rinderköpfe zerhackt und das wenige Fleisch abgelöst, das dann auf Drähte aufgefädelt und in die Sonne gehängt wird. Ein dichter Schwarm von Fliegen umkreist den Rinderkopf und die Fleischfetzen. Laut Eric ein Qualitätsmerkmal: „Wenn die Fliegen sich nicht auf das Fleisch setzen, dann ist es nicht gut“, meint Eric. Kühlung gibt es keine. „Die ist auch nicht gut, denn dann kommen ja keine Fliegen an das Fleisch“. Soweit Erics Einschätzung. Keinesfalls ist das etwas für unsere verwöhnten europäischen Mägen.

Eine der Wellblechhütten beherbergt eine Shebeen, eine vermutlich illegale oder vielleicht auch nur „informell betriebene“ Kneipe. Hier gibt es eine mit Gittern abgesperrte Theke, einen Billardtisch, an dem gerade gespielt wird, ein paar Hocker und ein paar Geldspielautomaten an der Wand. Eric lässt das Gitter vor der Theke aufschließen, führt uns dahinter und wir dürfen einen Blick in die blauen Industrietonnen werfen, in denen ein Gebräu aus Wasser, Zucker, Hefe und nur Gott weiß welchen anderen Zutaten vor sich hin gärt. In einer der Tonnen brodelt es heftig. Das was hier ausgeschenkt wird, riecht sehr alkoholreich und ist weit entfernt vom Deutschen Reinheitsgebot. Die hygienischen Bedingungen des „Schankbetriebs“ kann man sich kaum vorstellen, wenn man sie nicht selbst gesehen hat. In der gleichen Hütte, in der die Shebeen betrieben wird, wohnt auch eine – wie immer kinderreiche – Familie. Sie und auch die Kneipenbesucher begrüßen uns freundlich und scheinen sich darüber zu freuen, dass wir an ihnen interessiert sind. Die Kinder wollen unbedingt Andreas blonden, glatten Haare berühren, was sie gerne geschehen lässt. Oft scheinen sie das nicht zu sehen, so bewundernd und erstaunt sie sind. Zum Abschied aus der Kneipe darf ich sogar das nächste Billardspiel, das gerade beginnt, anstoßen.

Katutura ist kein einheitliches Township. Jeder Stamm hat seinen eigenen, strikt von den anderen Stämmen abgegrenzten „Stadtteil“. Dazwischen gibt es Niemandsland, auf dem sich Toiletten – ohne Kanalisation – befinden. Eric erklärt uns, dass die Eltern den Kindern verbieten, mit den Kindern der anderen Stämme zu spielen. Ein Mann könne keine Frau eines anderen Stammes heiraten, ohne dafür von seiner Familie und seinem gesamten Stamm verstoßen zu werden. Besonders die Angehörigen des Stammes der Damara scheinen bei den anderen Stämmen extrem unbeliebt zu sein. An Orten, wie dem Soweto Market, an dem Menschen verschiedener Stämme zusammenkommen, herrscht striktes Alkoholverbot und das Mitführen von Waffen ist verboten. Zu groß wäre die Gefahr von Streitereien und Auseinandersetzungen, die tödlich enden.

Im „Stadtteil“, der von den Capriviern bewohnt wird, ist Eric zuhause. Er führt uns in sein Haus, bittet uns Platz zu nehmen und stellt uns seiner Frau, Schwester, Schwager und den Kindern vor. Wie alle anderen Hütten hat auch diese kein fließendes Wasser und keinen Strom. Ein kleines Solarpanel erzeugt den Strom für Erics Smartphone. Andere Elektrogeräte gibt es in dem Haushalt nicht. Ich stelle Erics Frau die heikle Frage, ob sie gerne in Katutura lebt. Sie antwortet: „na ja, es ist besser dies hier zu haben als nichts“.  Wir haben heute schon so viele freundliche, lachende und zufriedene Menschen, vor allem Kinder, gesehen. Sie kennen nichts anderes als dieses Leben und sie scheinen nicht unzufrieden damit zu sein. Eric sagt, er sei zufrieden, solange seine Kinder nicht hungern müssen.

Ich denke wir können uns alle eine Scheibe von der Lebenseinstellung der Menschen in Katutura abschneiden und uns immer wieder einmal einen Moment Zeit nehmen, um dankbar für das zu sein, was wir haben und uns nicht immer nur über das zu beklagen, was uns fehlt!

Wir fahren mit dem Auto zum Goreangab Stausee, in dem das Abwasser der umliegenden Townships gestaut wird, nachdem es eine Wasseraufbereitungsanlage durchlaufen hat und für die Nutzung als Trinkwasser aufbereitet wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob das Wasser, das wir hier sehen, tatsächlich Trinkwasserqualität hat. Am Goreangab-Damm befindet sich das Penduka Cultural Centre, ein Selbsthilfezentrum, in dem Frauen Handarbeiten, Kunstgegenstände etc. zum Verkauf anbieten. Auf der Terrasse der Einrichtung trinken wir eine Cola und ruhen etwas aus, bevor wir zur letzten Station aufbrechen, zum Oshetu Community Market.

Unter einem großen Stahldach befinden sich zahlreiche Stände, an denen getrocknete kleine Fische, Mopane-Raupen, getrockneter Spinat, Mais und einige wenige andere Lebensmittel verkauft werden. Eine große Auswahl an Gemüse und Obst, wie wir sie von unseren Märkten kennen, gibt es hier nicht, dafür aber den Hinweis, dass Alkohol, Drogen, Glücksspiel und Waffen verboten sind, und dass man nicht kämpfen soll und kein unanständiges Verhalten an den Tag legen darf.  Im „meat market“ zerkleinern einige Männer Rindfleisch, das an den benachbarten Grills gebrutzelt wird. Definitiv nichts für unsere hygieneverwöhnten Mägen. Unser WKD würde in Ohnmacht fallen, würden sie sehen, unter welchen Bedingungen hier das Fleisch zubereitet wird.

Zuletzt haben viele Himba ihre angestammte Heimat, das Kaokoveld, verlassen und viele sind nach Windhoek gekommen. Dort leben Sie seit längerer Zeit in primitiven Mini-Zelten. Noch wurden ihnen keine Flächen zugewiesen, wo sie ihre Wellblechhütten aufschlagen können. Darauf warten sie sehnlichst. Ob sie dort glücklicher sein werden als im Kaokoveld bleibt zu bezweifeln.

Nach fünf Stunden Stadtführung, die wir so schnell nicht vergessen werden, bringt uns Eric nochmal kurz zum Hotel Schwerinsburg, wo wir unser Reisegepäck deponiert hatten. Wir ziehen uns schnell um, ich schenke Eric meine – nicht mehr ganz intakten – Schuhe, die ich sonst weggeworfen hätte, Andrea erleichtert unser Reisegepäck um einen Fön, den Erics Frau gebrauchen kann, wenngleich sie keinen Stromanschluss hat und für seine Kinder haben wir noch einige Bonbons. Auch einige Kugelschreiber wechseln den Besitzer.

Eric übernimmt auch den Shuttleservice zum WDH – Hosea Kutako International Airport. Wir checken ein, haben noch etwas Zeit, um am Gate eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken und steigen – diesmal ohne Verspätung – in den Airbus 330 ein, um 10 Stunden später in FRA zu landen. Im Gegensatz zum Hinflug verläuft der Rückflug planmäßig und da es ein Nachtflug ist, kommen wir auch zu etwa fünf Stunden Schlaf.


Eric über sich selbst:

My name is Kafamuyeke Erick Mwiya, popularly known as Eric, a local guy offering tourists the opportunity to discover the heart of Windhoek. Born in Katima Mulilo, the heart of the Zambezi East Region, I moved to Windhoek when I was 14 years old seeking for better opportunities. Having tried different jobs I was recruited as a taxi driver. I worked tirelessly until I could afford my own taxi. Due to my open character and curiosity of other cultures I became friends with several international customers. These customers who turned into friends would ask me to show them the hidden parts of the city.
The most common questions I am asked as a local and a taxi driver are “Where do Namibians eat out”, “How is life in Katutura?” “Where do the locals hang out?” It is from this curiosity of my customers that I decided to start this company – providing truthful insights into the life of locals to international friends.

https://www.mwiyatours.com/